Unser evangelischer Gottesdienst
ist in seiner Struktur aus der römisch-katholischen Messe entwickelt. Sie ist in ihren Grundzügen Jahrhunderte alt und reicht in einzelnen Teilen bis in die frühe Kirche zurück. Diese Struktur wird Liturgie genannt (nach griech. leitourgia = Dienst). Sie ist festgehalten im Gottesdienstbuch, der Agende (nach lat. agenda = was zu tun ist); die Agende enthält also Aufbau, Texte und Handlungen, d.h. den Ablauf des Gottesdienstes.

Diese Ordnung umfaßt zahlreiche Stücke, die teils für alle Sonntage festliegen: das Ordinarium (nach lat. ordinarium = ordnungsgemäß), teils je nach Kirchenjahr und Sonntag wechseln: das Proprium (nach lat. proprium = eigentümlich, individuell), teils jedesmal neu sind. Dadurch entsteht Ausgewogenheit zwischen Gleichbleibendem und Veränderungen. So sind z.B. Ehr‘ sei dem Vater... oder der Segen in jedem Gottesdienst in gleicher Form (mit vorgegebenen Varianten) enthalten; der Eingangspsalm, die Lesungen und manche der Lieder sind jeweils an den Sonntag (z.B. 1. Advent, Ostersonntag usf.) gebunden, d.h. wechseln von Mal zu Mal; Predigt und Abkündigungen sind in jedem Gottesdienst neu und anders.

In Aufbau und grundlegenden Teilen ist der Gottesdienst in den allermeisten christlichen Kirchen rund um den Erdball gleich oder jedenfalls deutlich vergleichbar; es hat sich also eine bestimmte Struktur als angemessen und sinnvoll herausgeschält. In einer Zeit der globalen Mobilität ist das von besonderem Wert: Man kann einen Gottesdienst mitfeiern und sich in ihm aufgenommen fühlen, auch wenn man die Sprache nicht versteht. Die traditionelle Gottesdienstordnung hat also unmittelbare ökumenische Bedeutung.

Unser Gottesdienst findet normalerweise in einer Kirche statt. Diese ist eigens für ihn errichtet, gestaltet und geschmückt. Gebäude, Ausstattung, Kunst und Gegenstände wie z.B. Altarbild oder Abendmahlskelch sind kein Selbstzweck. Gerade weil sie dazu bestimmt sind, dem Heiligen zu dienen, werden sie besonders sorgfältig und wertvoll gestaltet. Übrigens ist historisch der Gottesdienst der Ursprungsort von Kunst, Musik und Dichtung.

Liturgie und Kirchenraum dienen dazu, uns für Gott bereit werden zu lassen. Dazu umhüllen sie uns und sprechen uns in ihren unterschiedlichen Teilen auf allen Lebensebenen an: Sehen, Hören, Spüren, Hoffen, Bangen, Freude, Leid, Denken, Erinnern, Schmecken, Riechen, Fühlen, Gewissen, Gemüt. Schicht um Schicht wollen sie uns erfassen, so daß wir für eine Weile von allem, was uns festhält und quält, frei werden und unsere Herzen sich für Gott öffnen können – "...daß die Herzen von der Erden ganz zu dir gezogen werden."

Liturgie und Kirchenraum sind in jedem ihrer Teile voller ungeahnter Schätze. Diese sind uns weithin verborgen, vermutlich weil Alltag und Gewohnheit sie zu Selbstverständlichkeiten werden ließen. Ton, Wort und Farbe wollen sie wieder erkennbar machen. Sie führen vom ersten Glockenklang an in Kirchenraum und Gottesdienst hinein und folgen hier dem Blick und dem Ablauf. Die Teile werden ihrer Atmosphäre eingefangen (Ton), in ihren einzelnen Stücken gedeutet (Wort) und in ihrem Gehalt vors Auge gemalt (Farbe). Dabei leiten Verse aus der Dichtung, die für den Gesang im Gottesdienst verwendet wird*, Wahrnehmen und Erfassen. Sie geben zugleich zu erkennen, daß Kirchenraum und Liturgie im Gottesdienst zu einer Einheit verschmelzen, in der man sich behaust und geborgen fühlen kann.

* Diese Verse werden nach dem Evangelischen Gesangbuch ( EG) zitiert.